Im modernen Fußball haben sich bestimmte Positionen im Vergleich zu ihren traditionellen Rollen deutlich weiterentwickelt. Eine der bemerkenswertesten Veränderungen ist die Einführung der falschen Neun – einer Position, die die Art und Weise, wie Teams angreifen, herausgefordert und neu definiert hat.
Die falsche Neun ist nicht nur eine taktische Neuerung, sondern Ausdruck der ständigen Entwicklung des Fußballs. In diesem Artikel tauchen wir ein in die Frage, was eine falsche Neun ist, wie sich die Rolle von einem klassischen Stürmer unterscheidet und welche Spieler und Trainer diese unkonventionelle Rolle gemeistert haben.
Was ist eine falsche Neun?
Eine falsche Neun ist ein Spieler, der das Spiel als zentraler Stürmer beginnt, aber anstatt in der vordersten Linie zu bleiben, oft zurück ins Mittelfeld fällt und als zusätzlicher Mittelfeldspieler oder Spielmacher agiert. Anstatt in die Tiefe zu gehen und hinter die Abwehr zu stoßen wie ein klassischer Neuner, bewegt sich die falsche Neun zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld des Gegners, um Überzahl und Verwirrung zu schaffen.
Das taktische Ziel ist es, die Innenverteidiger aus ihrer Position zu ziehen, wodurch Räume hinter ihnen für Läufe von Flügelspielern oder Mittelfeldspielern geöffnet werden. Die falsche Neun fungiert also mehr als Katalysator denn als Torjäger.
Illustration: Die falsche Neun lässt sich zwischen die Linien fallen und öffnet Raum hinter der Abwehrreihe.
Historischer Ursprung
Die Idee der falschen Neun ist nicht neu. Bereits in den 1930er Jahren experimentierte das österreichische "Wunderteam" mit Stürmern, die tief fielen. Doch erst im 21. Jahrhundert wurde das Konzept auf Topniveau verbreitet und systematisiert.
Besonders unter Pep Guardiolas Barcelona wurde die Rolle weltberühmt, als Lionel Messi 2009 im El Clásico gegen Real Madrid als zentraler Stürmer eingesetzt wurde – sich aber wie ein Mittelfeldspieler verhielt. Das Ergebnis? Eine taktische Demontage und ein 6:2-Sieg für Barcelona.
Taktische Funktion und Vorteile
Die falsche Neun ermöglicht eine Reihe taktischer Vorteile:
- Überzahl im Zentrum: Wenn die falsche Neun zurückfällt, entsteht eine numerische Überzahl im Mittelfeld, was besseres Passspiel und Kontrolle ermöglicht.
- Raum schaffen: Indem Verteidiger aus ihrer Position gezogen werden, entsteht Platz für Läufe von Flügelspielern oder offensiven Mittelfeldspielern.
- Unberechenbarkeit: Die Rolle macht es dem Gegner schwer, die Zuordnung der Gegenspieler zu bestimmen.
- Besseres Pressing: Eine falsche Neun ist oft mobiler und kann sich am kollektiven hohen Pressing beteiligen.
Herausforderungen und Einschränkungen
Trotz ihrer Effektivität ist die Rolle nicht ohne Herausforderungen:
- Fehlende physische Präsenz: Gegen tiefstehende und physisch starke Abwehrreihen kann es schwierig sein, Chancen zu kreieren, ohne einen klassischen Stürmer im Strafraum.
- Anforderung an technische Qualität: Die Rolle verlangt Spieler mit Übersicht, Technik und Verständnis – sie ist nicht für jeden Stürmer geeignet.
- Abhängigkeit von Mitspielern: Wenn Flügel- und Mittelfeldspieler die entstehenden Räume nicht nutzen, verliert das System seine Wirkung.
Welche Spielertypen eignen sich als falsche Neun?
Eine falsche Neun sollte sein:
- Bewegungsintelligent und gut darin, Räume zwischen den Linien zu finden
- Ein starker Passspieler und sicher auf engem Raum
- Schnell in der Orientierung und in der Lage, sich mit dem Ball zu drehen
- Taktisch verständig und bereit, zu pressen und defensiv mitzuarbeiten
Spieler wie Messi, Francesco Totti, Cesc Fàbregas und Roberto Firmino sind allesamt Beispiele für moderne falsche Neunen.
Trainer und Systeme, die die falsche Neun genutzt haben
Einige der größten Trainer im Fußball haben die falsche Neun eingesetzt:
- Pep Guardiola: Sowohl in Barcelona als auch bei Manchester City setzte er Mittelfeldspieler als falsche Neun ein, um Ballbesitz und Kontrolle zu schaffen.
- Luciano Spalletti: Setzte Totti als falsche Neun bei AS Rom ein und schuf eine dynamische Offensive ohne klassischen Stürmer.
- Jürgen Klopp: Firmino agierte bei Liverpool als falsche Neun und öffnete Räume für Mané und Salah.
Ist die falsche Neun noch aktuell?
Heute sieht man seltener eine reine falsche Neun, aber Elemente der Rolle sind in viele Systeme integriert. Bei Manchester City rotieren Stürmer, Flügelspieler und offensive Mittelfeldspieler ständig, und moderne "Neuner" wie Harry Kane lassen sich oft ins Mittelfeld fallen, um mit dem Rücken zum Tor zu spielen und das Spiel aufzubauen.
Das Konzept, dass der Stürmer nicht zwangsläufig der Torjäger sein muss, sondern ein integrierter Teil des Spielaufbaus ist, ist heute in vielen Vereinen Standard.
Fazit
Die falsche Neun ist ein Symbol dafür, wie sich das taktische Verständnis im Fußball entwickelt hat. Die Rolle erfordert Intelligenz, Technik und Zusammenarbeit – und ihre Stärke liegt im Unberechenbaren. Auch wenn die Position nicht mehr in ihrer reinsten Form in jedem Spiel genutzt wird, leben ihre Prinzipien in vielen modernen Systemen weiter.
Für Trainer, Analysten und Fans ist die falsche Neun eine faszinierende Studie darüber, wie Kreativität und Taktik den Fußball verändern können.
Foto: Lionel Messi – vielleicht die ikonischste falsche Neun der Fußballgeschichte.








